Ein bisschen Rot bleibt für immer. Das ist gut so. Fotos: KUD

…das heiße Herz, den kalten Hintern, die zitternden Knie, eine volle Blase und ein synaptisches Feuerwerk gab es auch noch dazu. Als Teilnehmerin an den Fotoinstallationen von Spencer Tunick in der Münchner Innenstadt werfe ich, etwas verspätet, meine Erinnerungen an den frühen Morgen des 23.06.2012 in den Befindlichkeitsring.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich um zwei Uhr nachts durch die Gegend strampele. Während mir noch ein paar Feierwütige aus einem Abend voller EM-Viertelfinalfreude entgegenkommen, fahre ich einem Morgen entgegen, von dem ich nur weiß, dass er einzigartig sein wird. Spencer Tunicks Werke haben mich von Anfang an berührt, und als ich von seinem Projekt in München erfuhr, war klar: Ich will wissen, wie sich er sich anfühlt, der Augenblick, der mich und viele andere Hüllenlose in einem Foto festhält. Deshalb stehe ich um kurz vor drei am Marstallplatz und warte auf das, was mich erwartet.

Tiegel mit roter Farbe – Spekulationen, wie es weitergeht – Mann bietet Süßgkeiten an – sitzen und warten – Erklärungen und Übersetzungen – „make sure your entire body is covered with paint“ – alle entkleiden sich zeitgleich – Scherzkaskade des jungen Mannes, mit der er die Situation für sich erträglich macht – fröhliches Kichern der Nachbarinnen – roter Tross setzt sich barfuß in Bewegung – Passant im Hofgarten folgt spontan der Aufforderung „ausziehen!“ – „…and don’t smile“ „..und lächeln“ – ungewöhnlich warmer Asphalt der Ludwigstraße im Rücken – Blick zur Theatinerkirche – Arm in den Himmel gestreckt – „muss es ausgerechnet der rechte sein?“ – der Moment im roten Meer – kalte Windböen verabreden sich in der Residenzstraße – Warteewigkeit auf Gold in der Stille – Dialog mit dem inneren Kind, Flehen um Geduld – rote Zigarettenpausierer – Armada der Steine am Max-Joseph-Platz in der Überzahl – langsame Eroberung von Platz und Monument – Vier starke Arme befreien den Unsrigen aus den Fängen der erbarmungslosen Steinebuckel – Auflösung der Reihen, so schnell vergeht Unendlichkeit.

Um 8.30 hat mich der Samstag wieder, ich verbringe ihn mit Schrubben von mir, der Badewanne, des Bodens, mit Erzählen und Schlafen. Ich bin stolz auf die meine liebenswerten Modellkollegen, dankbar dafür, eine von 1699 gewesen sein zu dürfen… und versuche, das Geschehene einzuordnen.

Aber irgendwie ist es dafür noch zu früh.

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